SÄEN und ERNTEN

Im Grußwort des Gemeindebriefs „Senfkorn“ der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Schönborn und Kronau nimmt uns Pfarrerin Luise Helm mit hinein ins Nachdenken über das Säen und Ernten, unser Leben und unseren Umgang mit der Schöpfung – ausgehend vom Monatsspruch September 2021.

Dieser Artikel bewegt mich, Damaris Friedrich, und verbindet sich für mich auch mit unserem Bodenbild für geöffnete Kirchen zum Erntedank – bei dem es auch um Saat, Frucht und Ernte geht.

Mit der freundlichen Genehmigung von Pfarrerin Luise Helm dürfen wir ihren Artikel hier veröffentlichen. Vielen Dank, Frau Helm.

 

Aus Senfkorn – Herbstbrief 2021 der Evangelischen Gemeinde Bad Schönborn und Kronau:

 

Es ist Herbst geworden. Die Getreidefelder sind schon abgeerntet; Apfel, Birnen, Trauben werden reif.

Unterwegs in der Natur, die unsere Ortschaften umgibt, schaue ich dankbar auf das, was wachsen konnte.

Zugleich wird mir aber auch bewusst, dass dies für viele Menschen auf der Erde schon längst nicht mehr selbstverständlich ist. Und ich frage mich: Haben wir in den vergangenen Monaten das Richtige für die Zukunft der kommenden Generation gesät?

 

In meine Gedanken hinein höre ich den Montagsspruch für diesen September:

„Ihr sät viel und bringt wenig ein;

ihr esst und werdet doch nicht satt;

ihr trinkt und bleibt doch durstig;

ihr kleidet euch, und keinem wird warm;

und wer Geld verdient,

der legt’s in einen löchrigen Beutel.“

 

Worte des Haggai, eines „kleinen Propheten“ der Bibel, der im Jahr 520 v. Chr. vier Monate wirkte.

 

Das sind heftige Bilder geistiger Leere: Ihr häuft auf, aber es genügt euch nie. Heute, 2500 Jahre später, würde Haggai vielleicht sagen: Ihr setzt immer noch auf Wirtschaftswachstum, aber es genügt euch nie. Längst haben wir bemerkt, dass wir so nicht weitermachen können. Menschen arbeiten immer mehr, aber viele von ihnen können nicht von ihrer Arbeit leben. Während ich diese Zeilen schreibe, unterbreche ich wegen des Anrufs eines Paketfahrers, der von seinem niedrigen Lohn trotz Vollzeit in wirtschaftlicher Not ist, weil nicht viel mehr dabei herauskommt als bei Hartz IV. Eine andere Frau geht mir nicht aus dem Sinn, die eine Betreuung für ihr Kind braucht, wenn sie auf Abruf bis 21.00 Uhr an der Supermarktkasse sitzt – also 24 Stunden Kindergarten?

 

Die Zeiten, als es eine Frühjahr/Sommer und eine zweite Herbst/Winter-Kollektion gab, sind längst vorbei; inzwischen ist die x-te Saison erfunden, mit der wenige Wochen später die Altkleidercontainer gefüllt werden. Es gibt längst die Möglichkeit, über Wind und Sonne Energie einzufangen, aber unser Wohlstandsdenken will immer mehr – so viel, bis auch die letzte Kohlegrube leergebaggert ist. …

 

Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen und wir alle wissen und haben gesehen, wie hoch der Preis dafür ist, den kommende Generationen zahlen werden. Die Versuchung ist groß, in die eigenen Sicherheit zu fliehen, doch Haggai weiß: Der Geldbeutel ist löchrig.

 

Haben wir in den vergangenen Monaten das Richtige für die kommenden Generationen gesät? „Überlegt doch einmal wie es euch geht! (Haggai 1,5)“ Wollt ihr wirklich weiterarbeiten wie bisher, rund um die Uhr, ohne Rücksicht auf euch selbst, auf eure Kinder und Alten? Wollt ihr wirklich leben und konsumieren wie bisher, ohne Rücksicht auf die Schöpfung, deren Teil ihr seid?

 

Die Lösung liegt nicht im Weitermachen wie bisher, sondern kann nur durch eine geänderte Blickrichtung entstehen. Unsere Wertvorstellungen müssen sich verändern. Haggai mahnt: Sachen und Dinge allein geben keinen Frieden. Das Leben gelingt nur, wenn es auch eine geistliche Dimension hat. Wenn wir beginnen zu hinterfragen, wieviel und wofür wir arbeiten, was wir produzieren und konsumieren und wieviel davon wenig später auf den Müllhalden landet und unsere Umwelt vergiftet.

 

Für eine neue Blickrichtung brauchen wir das Innehalten, das Gespräch mit Gott und dem Nächsten. Es kann in der Andacht beginnen oder bei einem Herbstspaziergang, bei dem wir die Farbigkeit und den Reichtum der Schöpfung neu wahrnehmen und anfangen zu staunen wie die Kinder, über jedes noch so kleine Lebewesen.

 

Und jeden Tag können wir in unserem eigenen Denken und Handeln einsäen, was Frieden, Gerechtigkeit und Schöpfung wachsen lässt. Ganz unscheinbar und klein vielleicht, aber mit großer Wirkung. Jesus hat davon so erzählt: „Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn: Ein Mensch nahm es und säte es auf seinen Acker. Das Senfkorn ist das kleinste aller Samenkörner. Aber wenn eine Pflanze daraus gewachsen ist, ist sie größer als die anderen Sträucher. Sie wird ein richtiger Baum. Die Vögel kommen und bauen ihr Nest in seinen Zweigen.“

 

Eine neue Blickrichtung brauchen wir auch in unserer Gesellschaft – eine Blickrichtung, die ein gerechtes Miteinander und einen bewahrenden Umgang mit der Schöpfung in den Mittelpunkt stellt. Am Ende des Monats haben wir die Wahl, damit wir endlich stoppen, was gestoppt werden muss und tun, was getan werden muss. Wenn wir heute damit beginnen, kann wachsen, was zukünftige Generationen brauchen.

 

Photo Flash Dantz: https://flash-dantz.com