Thomas, der Zwilling

Kennen Sie das Gefühl, draußen zu stehen? Alle sind fröhlich, alle verstehen sich, alle sind zufrieden da drinnen. Aber ich da draußen, ich bin allein gelassen, unverstanden, nicht gewollt, vergessen.

Als Kind, während der Schulzeit, hatte ich öfters dieses Gefühl, und ich weiß noch, dass es mir dabei gar nicht gut ging. Drinnen und draußen – das ist wie Tag und Nacht, wie warm und kalt, wie Gemeinschaft und Verlassenheit. In Johannes Kap.20 wird uns erzählt, dass die Jünger drinnen waren, hinter verschlossenen Türen versammelt. Und da mitten hinein tritt Jesus mit seinem Friedensgruß. Ich stelle mir vor, dass die Jünger in diesem Augenblick den Himmel auf Erden erlebten.

Drinnen sein, beieinander sein, miteinander Großes erleben, das ist, als ob man am Strom des Lebens angeschlossen ist. Aber im Text heißt es weiter: “Thomas, genannt der Zwilling, war nicht bei ihnen drinnen, als Jesus kam.” Ja wo war er denn, der Thomas? Jetzt können wir spekulieren. Ob er vielleicht bei seinem Zwillingsbruder war, draußen im Dunkeln, in der Verlassenheit? Thomas, der Jünger, der eigentlich nach drinnen gehört. Thomas, der draußen ist, der verzweifelt ist. Zwei Seiten – so erscheint mir dieser Thomas. Und dies tut mir so gut. Anscheinend hat der Glaube einen Zwillingsbruder und dieser heißt Zweifel.

Kennen Sie diese Seite? Die Seite dieses Zwillingsbruders? Vielleicht würde er so sagen: “Alles was ich geglaubt und erhofft habe scheint mir aus den Händen zu gleiten. Alles, was ich einmal erfasst habe, ist mir entglitten. Ich habe das Gefühl, dass ich der einzige bin, der so verzweifelt darüber ist. Mir scheint, dass die Anderen da drinnen noch festhalten können an dem was sie geglaubt haben. Ich kann das nicht mehr, es sei denn, meine Hände könnten neu erfassen, neu den wunden Punkt ertasten.”

Was ist denn der wunde Punkt des Thomas? Ist es vielleicht dies, dass er es immer noch nicht glauben kann, dass er da draußen nicht verlassen, nicht vergessen ist? Sondern dass draußen seine Sehnsucht Worte bekommen kann und er Kräfte entwickeln kann, wieder umzukehren und nach drinnen zu gehen. Und so heißt es in unserem Text: Da trat Jesus ein und ließ Thomas handgreiflich seinen wunden Punkt erfassen.

(Auszüge aus einem Reliphon von Waltraud Mäschle)

Wir laden Sie herzlich ein, mit uns diese Geschichte näher zu betrachten in unseren Frühjahrskursen “Überrascht von der Freude”  im Kirchenbezirk Weinsberg. Die zweite Runde startet am Donnerstag, 5.3.2020 um 9 Uhr im evang. Gemeindehaus in Obersulm-Willsbach.