Erfahrungsbericht aus Österreich

Unter der Oberfläche

Stufen des Lebens lebt von den Bodenbildern und von den veröffentlichen inneren Dialogen der Teilnehmer/innen mit diesem bzw. mit der jeweiligen biblischen Geschichte. Die Intensität der nach außen hin wahrnehmbaren Beteiligung kann sehr unterschiedlich sein und manchmal ist man als Kursleiter/in unsicher, ob die Botschaften überhaupt durchdringen zu den Herzen der Beteiligten.

Doch man/frau sollte nie unterschätzen, was sich unter der Oberfläche abspielt und keine voreiligen Schlüsse ziehen.

Ich erinnere mich noch gut an den ersten Abend des Elia-Kurses in einer Kärntner Landpfarrgemeinde.

Bodenbild aus “Durch Krisen reifen”

Die Leiterin der dortigen Frauenarbeit hatte sich darum bemüht, möglichst viele Menschen einzuladen. Und manche kamen auch nur ihr zuliebe – so meine Vermutung – und waren bereit, sich auf das Ungewohnte einzulassen.

Eine ältere Dame saß die ganzen 2 Stunden sichtlich reserviert mit eiserner Miene im Sesselkreis. Sich auch nur einmal bei einer Beteiligungsphase einzubringen war undenkbar. Dann bei der Verabschiedung hellt sich ihre Miene plötzlich auf – und sie bedankt sich bei mir herzlich für den wunderbaren Abend und sagt, dass sie ganz viel mitgenommen habe für ihre eigene Lebenssituation. Ich war völlig baff – und zutiefst dankbar zugleich.

Unter der Oberfläche spielt sich manchmal weit mehr ab, als auch erfahrene Kursleiter/innen wahrzunehmen in der Lage sind.

 

Ich zuerst

Es ist wie beim Predigen: Der erste Adressat bin immer ich selbst. Einen Stufen des Lebens Kurs zu halten geht nicht ohne Selbstbeteiligung ja Selbstbetroffenheit.

Mein letztes Stufen-Erlebnis waren zwei Einheiten aus dem Quellen-Kurs auf einer Gemeindefreizeit. Und obwohl mir der Inhalt und die „Pointen“ schon bestens vertraut sind, war ich erstaunt, wie sehr mich die Kursinhalte selbst angesprochen haben.

Da waren die Steine beim Baum am Wasser aus Psalm 1: Was blockiert meinen Zugang zum Segensstrom Gottes?

Ist es der Oberkirchenrat? Bin ich es selbst? Sind es meine Vorerfahrungen? Oder sind es meine Vorstellungen davon, was Segen im Leben ist, die noch von blockierenden Felsen befreit werden müssen?

Und dann die Frau am Brunnen, die an den Rand gekommen ist. In vielem empfinde ich mich und meine unorthodoxe Lebensbiographie noch immer als eine „Außenseiterstory“. Und es hat mich wieder total berührt und bewegt, dass Jesus genau diese Art von Menschen wie mich für die tiefsten Gespräche ausgewählt hat. Und der missionarische  Eifer und vor allem der unglaubliche Mut, den die Frau in der Geschichte beweist, der hat mich wieder neu beeindruckt und herausgefordert.

Einen Stufen des Lebens Kurs zu halten ist kein „Job“ und wird nie zur Routine: Es ist Herausforderung und Bereicherung – immer wieder aufs Neue!

 

Christian Kohl ist systemischer Gemeindeberater und Multiplikator für Stufen des Lebens in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Österreich