2. Advent -Licht in der Nacht

Es war ein bitterkalter Abend, weit und leer. Über den Hügel flimmerte ein heller Stern, als sei er aus Rauschgold gemacht und ganz oben am Weihnachtsbaum aufgehängt. Die unbewegte Luft schien zu tönen wie das Innere einer großen eisernen Glocke. Drinnen aber in unserem gemütlichen Farmhaus strahlten die rotglühenden Öfchen eine gute Wärme aus. Der Abendbrottisch war gedeckt und ich hatte es mir eben bequem gemacht, als Bruce, unser kleiner Sohn, die Treppe heruntergeschritten kam – gespenstisch anzuschaun in seinem lange weißen Nachthemd, mit einem Mäntelchen aus purpurfarbenen, silberdurchwirktem Stoff über den Schultern. In der einen Hand hielt er eine gewaltige Krone aus gelber Pappe mit Rauschgold, und von der anderen hing ein reichverziertes Weihrauchgefäß herab. Seine Füße steckten in dünnen, schlappernden Sandalen. „Was in aller Welt soll denn das darstellen?“ lachte ich. Meine Frau betrachtete den Buben kritisch, gleichzeitig aber voller Teilnahme und Zärtlichkeit. „Er ist doch einer von den Weisen aus dem Morgenland“, erklärte sie leicht entrüstet. Der Blick, den sie mir dabei zuwarf, erinnerte mich unmissverständlich an mein Versprechen, unseren Sohn rechtzeitig zur Weihnachtsaufführung zum Schulhaus in die Stadt zu bringen. Ich schauderte bei dem Gedanken an die Kälte draußen, zog aber meinen dicken Mantel über und ging tapfer durch die Finsternis zur Garage.

Die Batterie in dem alten Wagen war längst tot, aber dank jener unberechenbaren Launen der Technik sprang der Motor sofort an. Doch noch ehe wir auf die Hauptstraße kamen, stand der Karren bereits wieder still. Mir sank das Herz. Ich schaute Bruce an, der aber hielt Krone und Weihrauchfass mit beiden Armen umklammert und starrte den endlosen Weg hinab , bis dorthin, wo er zwischen den einsamen Hügeln verschwand. Die Ortschaft lag mehr als anderthalb Meilen entfern, und bis zu nächsten Tankstelle waren es noch über zwei Meilen. Bruce sagte immer noch kein Wort, nur waren seine Augen jetzt auf den großen Stern geheftet, der genau über dem zackigen Bergrat schimmerte. Eine unbehagliche Empfindung regte sich in mir, denn ich erkannte plötzlich, dass der Junge betete. Auch er hatte sein Versprechen gegeben, und jetzt betete er, dass ihn nur ja nichts davon abbringen möge, einen von den drei Weisen darzustellen an diesem verzauberten Weihnachtsabend. Ich mühte mich und rackerte mich mit dem Wagen ab – umsonst. Als ich wieder aufsah, war Bruce fort. Ein gutes Stück unten hastete er den Weg entlang, mit der einen Hand sein Gewand zusammenraffend, mit der anderen das Weihrauchfass schwenkend, die hohe goldene Krone schief über dem Kopf. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder ihm nachrufen sollte. Dann machte ich mich von neuem über den Wagen her. Schließlich gab der Motor ein heiseres Krächzen von sich. Ich kletterte ins Auto, fuhr los und überholte Bruce genau dort, wo die Chaussee in die Stadt einmündete. „Du hättest nicht davonlaufen solle“, knurrte ich. „Es ist doch viel zu kalt.“

„Ich hatte den Weihrauch im Fässchen angezündet“, sagte er. „:Ich bin ganz warm geblieben. Außerdem hab ich mich immer nach dem Stern gerichtet und ein großes Stück abgeschnitten, quer durch Basoines Farm und grad bei der neuen Hütte bin ich wieder rausgekommen.“ Er zitterte vor Kälte. „Du hättest dir die Füße erfrieren können!“ „Ach so schlimm war das nicht.“

Wir kamen beizeiten im Schulhaus an. Ich stand ganz hinten unter den Zuschauern. Als ich Bruce kommen sah, wie er steifbeinig auf seinen wundgelaufenen und halb erfrorenen Füßen einherschritt, vor der Krippe niederkniete und sein Sprüchlein aufsagte, stieg wider Willen eine gewisse Ehrfurcht in mir auf. Als wir auf dem Heimweg waren, zeigte mir Bruce die Stelle, an welcher der Abkürzungsweg auf die Straße traf. „Da wohnen die Thompsons“, sagte er .

Als wir bei den Basoines vorbeikamen, war das Haus hell erleuchtet. Das kam mir sonderbar vor. Denn seit George Basoines fortgegangen war, um in der Fremde sein Glück zu machen, war die Großmutter, die ihren jüngsten Sohn im Krieg verloren hatte, ganz zusammengefallen, und Trübsinn lag über dem Haus. Ich fuhr ganz langsam vorbei und konnte durch das Küchenfenster Lou Basoine sehen, wie er seine Pfeife rauchte und sich mit seiner Frau und seiner Mutter unterhielt.

Das war so ziemlich alles, was von diesem Abend zu berichten ist. Aber am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages kam eine freundliche Nachbarin mit einer Wildpastete und einem großen Krug Apfelwein zu uns. Sie ging in die Küche, wo meine Frau damit beschäftigt war, das Weihnachtsmahl zuzubereiten. Als ich lautes Gelächter hörte, schlenderte ich auch in die Küche hinüber, denn für ländlichen Klatsch habe ich eine Schwäche.

 

„Du musst das hören“, rief meine Frau mir zu. Die Nachbarin sah mich mit glänzenden, aber etwas argwöhnischen Augen an. „Sie brauchen´s meinetwegen nicht zu glauben“, sagte sie, „Doch ich sag Ihnen trotzdem, die Leute die hier in den Bergen leben, sehen mehr, als ein Mensch sonst sieht, und sie glauben auch daran.“ „Was haben Sie denn gesehen?“, erkundigte ich mich neugierig. „Ich nicht. Es war die alte Mutter Basoine. Gestern Abend , als ihr wieder einmal so recht elend zumute war, kam´s ihr so vor, als höre sie etwas hinter der Scheune und sie schaute hinaus. Nun muss ich von der alten Frau sagen, sie hat noch scharfe Augen. Der Mond schien zwar nicht, aber wes war, wenn sie sich erinnern, eine helle Sternennacht. Und da sah sie, klar wie bei Tage, einen von den Heiligen Drei Königen aus der Bibel den Hügel hinunterkommen, mit einer goldenen Krone auf dem Kopf und so einem Topf mit Rauch in der Hand, den er hin und her schwenkte…“

Meine Frau und ich schauten einander an, doch ehe ich etwas sagen konnte, fuhr die Nachbarin voller Eifer fort.“Lachen Sie jetzt nicht. Es gibt noch andere Zeugen! Die Thompsons. Dort hörten ihn zuerst die Kinder. Er sang:“Herbei, o ihr Gläubigen“, ganz deutlich. Sie liefen ans Fenster, und dann sahen sie einen der Heiligen Drei Könige im Sternenlicht, goldene Krone und langes Gewand und Feuertopf und alles!“

Die Nachbarin schaute mich herausfordernd an. „Alte Leute und Kinder sehen Dinge, die wir vielleicht nicht sehen. Ich kann nur das eine sagen: Die Basoines und die Thompsons kennen einander nicht mal. Aber die alte Mutter Basoine fühlte sich einsam und dachte trauernd an ihren gefallenen Sohn, und die Thompsons fühlten sich auch einsam und traurig und sie haben zum Herrgott gebetet. Ich sage Ihnen, es war ein rechter Trost für sie, zu sehen und zu glauben.

Es wurde still in der Küche. Die beiden Frauen blickten mir fragend ins Gesicht, vielleicht in der Erwartung, einem Ausdruck der Ungläubigkeit zu begegnen, da ich kein sehr religiös gesinnter Mensch bin. Aber war immer sie auch erwarten möchten: was kam, war eine Überraschung für sie.

Mir war an jenem Weihnachtsabend kein Wunder erschienen, aber was ich gesehen hatte, war viel eindrucksvoller als jene übernatürliche Erscheinung: Ein kleiner Junge aus Fleisch und Blut, der querfeldein dem Stern nachging, der Jahrhunderte zuvor die Drei Könige nach Bethlehem geführt hatte. Es lag mir fern, die Standhaftigkeit und Gläubigkeit zu verleugnen, die ich in jener Nacht in den Augen meines Sohnes gesehen hatte. Und so sagte ich mit einer Aufrichtigkeit, die für die beiden Frauen beglückend war: „Ja, ich glaube, zur Weihnachtszeit ist uns Gott sehr nahe!“

(von William A. Anderson )