Die drei Nussbäume

Einem junge Königspaar wurden drei Söhne geboren. Nach jeder Geburt pflanzte der König einen Nussbaum mit einem besonderen Wunsch in den Schlossgarten. Dem Erstgeborenen wünschte er die Kraft und Mächtigkeit eines Nussbaumes, dem Zweiten Lebensmut und Freude, wie die grünen Blätter des Baumes dies künden, und dem Jüngsten wünschte er: “Du sollst reifen und immer Frucht bringen.” Die Söhne wuchsen heran, wie auch die Jahresringe der Bäume zunahmen. Jeder machte sich den Wunsch des Vaters zur Lebensregel.

Der Älteste verstand unter “Mächtigkeit”, in immer neuen Kriegen seinen Reichtum zu mehren. Aber mit seiner Macht wuchs auch seine Einsamkeit, weil alle vor ihm Angst hatten. In den Kämpfen des Krieges wurde sein Nussbaum geschlagen und verdorrte.

Der zweite Sohn verstand unter Leben und Freude, Feste fröhlich zu feiern. Er prasste und schlemmte, Ärger und Missgunst wuchsen, und schnell war das Erbe verbraucht. Er wurde einsam und krank; die Blätter am Nussbaum welkten.

Der Jüngste dachte über den Wunsch seines Vaters nach; er saß lange unter seinem Nussbaum. Schließlich begriff er das Sinnbild des Baumes: Die Wurzeln griffen tief in die Erde und gaben dabei so festen Stand, den kein Sturm erschüttern konnte. Gleichzeitig saugten sie Wasser und Nahrung aus der Erde für Äste, Blätter und Früchte. Er sah aber auch das Streben des Baumes in die Höhe, um Luft und Licht einzuatmen. Da wusste der jüngste Sohn, dass Früchte nur wachsen können, wenn die Kraft der Erde und der Segen des Himmels sich vereinen. So richtete er seinen Blick auf die Erde und ging neben seiner Arbeit auch zu den Kranken, Hungrigen und Traurigen. Und wenn er von seiner Arbeit müde und ausgelaugt war, setzte er sich unter seinen Nussbaum, schaute nach oben in die Zweige und erbat sich vom Himmel Kraft und Segen für sein Werk. Jedes Mal entdeckte er dabei neue Früchte in seinem Nussbaum, und seine Blätter welkten über das ganze Jahr nicht.

(aus Hoffsümmer, Kurzgeschichten Bd.4)