Die Fichte im Garten

Die Nachbarn Schmidt und Müller kamen erfreulich gut zurecht. Fast ein Menschenalter lebten sie schon mit- und nebeneinander. Wenn also Fritz und Eduard sich am Gartenzaun oder vor der Haustüre trafen, redeten sie frei von der Leber weg und verständnisvoll über alles, was sie gerade bewegte. – Aber dann war eines Tages der Wurm drin. Der Holzwurm sozusagen:

„Du Fritz, die Fichte in deinem Garten, die fällt mir langsam auf die Nerven.“ „Unsere Fichte, warum?“   „Sie wird immer größer und breiter. Sie nimmt mir in Küche und Wohnzimmer jedes Jahr mehr  Licht weg.“  „Tut mir leid!“  „Willst du sie nicht endlich umlegen?“  „Ausgeschlossen!“  „Sag mal, du bist doch sonst nicht so stur, wenn ich dich ab und zu um etwas bitte!“  Jeden anderen Baum im Garten würde ich umhauen. Aber die Fichte nicht. Das musst du verstehen!“   „Nein – wieso muss ich?“ „ Die Fichte ist etwas Besonderes für mich und meine Frau.“  „Etwas Besonderes? Jetzt werde auf deine alten Tage nicht noch plötzlich sentimental! Fichten gibt es unzählige!“  „Du ahnst nicht, was diese Fichte für uns auch heute noch bedeutet.“  „Für mich bedeutet sie Dunkelheit.“  „Für uns Licht.“

„Hör mal, wir kennen uns schon so lange. Wenn du es erklären willst, dann gut. Wenn nicht, dann lass es halt bleiben!“ „Also schön – ich schätze dich ja als guten Zuhörer und verständnisvollen Nachbarn. Was ich dir jetzt erzähle, das bleibt aber unter uns.“  „Selbstverständlich!“

„Vor mehr als dreißig Jahren war unsere Ehe durch Eintönigkeit, Beruf, Vernachlässigung, Gewohnheit ernstlich in Gefahr. Nach außen haben wir uns schon der Kinder wegen nichts anmerken lassen…“ – „Was hat das mit der Fichte zu tun?“  „Eben. Damals habe ich die Fichte in den Garten gepflanzt. Wir hatten verabredet: Wenn der Baum abstirbt, trennen wir uns. Wächst er, bleiben wir beieinander.“   „ Ich verstehe.“

„Das ist aber erst die Hälfte der Geschichte. Gerda ertappte mich dabei, wie ich Kunstdünger unter die Fichte streute. Ich ertappte sie dabei, als sie Gießwasser hinschleppte.“

„Alle Achtung – so ist das also!“ – „Wenn es dir recht ist, stutze ich ein paar Äste. Aber die Fichte bleibt stehen! Einverstanden?“