Flüchtlinge bei Stufen des Lebens

Taufunterricht für Asylsuchende

Der Taufauftrag, der am Ende des Matthäusevangeliums steht, hat für mich einen horizonterweitern-den Klang bekommen: immer wieder kommen asylsuchende Menschen in unsere Kirche und möchten getauft werden. Unsere Gemeinde hat diesen Wunsch so verstanden, dass Gott die neue Aufgabe gleichsam auf die Schwelle unserer Kirchentür gelegt hat, weil wir wortwörtlich die Nächsten sind. Seither hat sich vieles verändert, und es gibt viel Neues zu entdecken: z. B. einen Glaubenskurs, der mittlerweile knapp drei Monate lang dauert, jede Woche etwa 2-3 Stunden, und der sich teilweise an die Arbeitsweise der „Stufen des Lebens-Kurse“ anlehnt. Erst nach der Teilnahme am Kurs entscheiden sich die Teilnehmer/-innen, ob er/sie getauft werden will – oder nicht. Ich möchte im Folgenden einen Einblick in solch einen Vormittag geben (auch als Einladung gedacht!).

Viele ausländische Männer und Frauen sind zu uns angereist, denn nur bei uns gibt es einen Glaubenskurs mit Übersetzung in ihre Sprache, und die Nachfrage danach ist groß. Sie sitzen in einem Stuhlkreis mit Blick auf das Bodenbild in unserer Mitte, denn Anschaulichkeit ist sehr gefragt. Dort ist eine Mauer aus Kartons zu sehen. Sie steht in einem schwarzen Rahmen auf rotem Grund und trennt die Schattenseite des Lebens (ein dunkler Halbkreis) von der Sonnenseite des Lebens (ein gelber sonniger Halbkreis). Ziel des Glaubenskurses ist es, die persönliche Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben zu ermöglichen. Der Hunger danach ist groß, denn in vielen muslimischen Ländern ist dies verboten und wird schwer geahndet.

In der Einheit, von der ich berichten möchte, werden zwei biblische Erzählungen ausgelegt: Zum einen die Rahmengeschichte: die Auferweckung der Tochter des Jairus (Mk 5, 21 – 24a und 5, 35 – 43) und zum anderen die Innengeschichte: die Heilung der blutflüssigen Frau (Mk 5, 24b – 34). Es geht um Auferstehung – nach dem Tod und um Auferstehung im Leben….

Auf Deutsch und in der Sprache der Teilnehmenden wird der biblische Text – auf die Mauersteine gedruckt – von den verschiedenen Teilnehmern vorgelesen. Die Geschichte der Frau, ihre Mauererfahrung, ihr Ausgegrenzt-Sein zieht die Zuhörer in ihren Bann: Es sind die eigenen Erfahrungen, die sie in dem Schicksal dieser Frau erleben. Das wird in der Pause nach jedem verlesenen Vers deutlich, wenn sie lebhaft Stellung nehmen.tauf2

Einengung durch Gesetze und Verbote, Verfolgung, Isolation und Diffamierung, all das, was sie auch erleben mussten, verschwindet auch dann nicht einfach, wenn man sich damit auseinandersetzt – wohl aber das eigene Verhältnis dazu. Stück für Stück wird die Mauer angesehen und auch: abgetragen. Es ist ein weiter Weg, bis die Frau aus ihrer dunklen Ecke dahin kommt, wohin ihre Sehnsucht und ihr Glaube sie ziehen: zur Sonnenseite des Lebens, auf der sie lt. Erzählung mit Jesus in Berührung kommt. Zwar versperren ihr die herumliegenden Steine auch weiterhin den Weg, aber ihre Sehnsucht und ihre Hoffnung findet Mittel und Wege, ihr Ziel zu erreichen. Anschaulich wird dies, indem die Teilnehmer nach und nach je einen der Mauersteine mit zu ihrem Platz nehmen und den Text von dort noch einmal vorlesen und sich Vers für Vers mit ihm auseinandersetzen. So wird deutlich: Die Frau hat keine Lebensmöglichkeit mehr in ihrer Heimat – genau wie die Teilnehmer; die Gesetze lassen der Frau keinen Lebensraum – so wie es die Teilnehmer ebenfalls erfahren haben. Die Frau hat all ihr Hab und Gut eingesetzt und verloren – so wie Asylsuchende, die auf ihrer Flucht alles hinter sich lassen mussten und nur ihr nacktes Leben retten konnten. Die Frau resigniert nicht, sondern bleibt ihrer Sehnsucht und Hoffnung treu, – so wie die Teilnehmer, die auf der Suche sind und ebenfalls nicht aufgegeben haben. Der Funke Hoffnung – die Vision, Jesus könne ihr helfen – gibt dieser Frau den Mut, sich durch die Mauern und die Menschenmenge zu drängen, bis sie Tuchfühlung mit Jesus aufnehmen kann.

Mit gespannter Erwartung verfolgen die Zuhörer, was die Frau laut Bibel dann erlebt: Durch die Berührung bekommt sie neue Lebenskraft – wird heil an Leib und Seele und kann das, woran sie leidet, vor Jesus ausbreiten. Dieses Sich-Öffnen-Können und Worte zu finden für das, was derzeit der größte Stachel bzw. das tiefste Leid in meinem eigenen Leben ist, vollziehen diejenigen Teilnehmer, die das möchten, mit: sie öffnen die Mauersteine und legen einen stacheligen Zweig in ihre offene Hand, als Symbol für all das, was in unserem eigenen Leben stachelig und widerborstig ist, was uns verletzt und in uns bohrt….

tauf3

Nach einer Zeit der Besinnung bringt der, der das möchte, seinen Stachel, sein Leid zum Kreuz, das sich aus der Schatten- und der Sonnenseite des Lebens in der Mitte gebildet hat. Genau das ist es, wozu Gott uns alle, d.h. Menschen aus aller Welt, einlädt. Es ist eine für alle deutlich spürbare, anrührende Erfahrung. Für die Asylsuchenden ebenso wie für die Einheimischen eine Erfahrung, die unsere Hoffnung auf ein neues Leben, auf Heil und Heilung und (inneren) Frieden bestärkt.

Ich habe erlebt, dass wir durch diesen Kurs viel enger mit den Asylsuchenden zusammengerückt sind – in gegenseitigem Verstehen, in gleicher Glaubenserfahrung und geschwisterlicher Herzensnähe. Wie gut, dass Gott uns diese Glaubensgeschwister anempfohlen hat!