Nachdenkgeschichte

Der Nachfolger

Es gab einen weisen Mann, um den hatte sich eine Schar Schüler gesammelt. Sie hörten seinen Reden zu, sahen, was er tat und wie er den Menschen begegnete. Sie lernten von ihm immer mehr, das Leben zu verstehen und die Welt zu begreifen. Da der weise Mann schon sehr alt war, entbrannte unter seinen Schülern ein Streit, wer sein Nachfolger werden dürfte. Jeder seiner Anhänger dachte, dass er am besten dazu geeignet wäre. Das brachte Unruhe und Unfrieden in den kleinen Kreis.

Der weise Mann entschloss sich, dem Treiben ein Ende zu machen und seinen Nachfolger selbst zu bestimmen. Er rief die Schar seiner Jünger zusammen und gab bekannt, dass er nun jedem einen verschlossenen Umschlag geben würde. Der, der sein Nachfolger werden sollte, würde in seinem Umschlag einen Zettel finden, auf dem stünde: “Du bist mein Nachfolger!”. Bei den anderen wäre auf dem Zettel: “Du bist es nicht!” zu finden. Der, der zum Nachfolger bestimmt sein, solle das aber vor den anderen geheim halten. So erklärte der weise Mann und teilte jedem seinen Umschlag aus.

Er hatte aber in jeden Umschlag einen Zettel eingefügt, auf dem stand: “Du bist mein Nachfolger!”. Und nachdem jeder seinen Umschlag geöffnet und den Zettel gelesen hatte, dachten alle seiner Schüler, sie seien für die Nachfolge des würdigen Alten bestimmt.

Da sich nun jeder in seinen Gedanken auf dieses bedeutsame Amt vorbereitete, gab sich jeder die größte Mühe, den Meister nachzuahmen und so zu werden wie er. Sie schlüpften bereits in die Rolle des Weisen und so war in der Schar der Jünger eine beachtliche Veränderung zu erkennen. Sie waren würdevoller, weiser, bedachtsamer und gelassener geworden, wusste doch jeder, dass Ehre und Ruhm auf ihn warteten.

Als jedoch der alte Mann gestorben war, stellte sich heraus, dass jeder Anrecht auf die Stellung des Weisen hatte und alle sich schon in seiner Position sahen. Das war natürlich eine schwierige Lage! Wie war diese Situation zu lösen?

Würden sich nun einige beleidigt oder enttäuscht abwenden und der bisherigen Lehre absagen? Oder würde es sogar zu einem Kampf um die Herrschaft kommen, zu einem fürchterlichen Streit, jeder gegen jeden und würde dadurch nicht das ganze Lebenswerk des Weisen zunichte werden?

Nichts von alledem. Die Schüler des weisen Mannes entschlossen sich, brüderlich und gemeinsam die Nachfolge ihres verehrten Meisters anzutreten – was beweist, dass ihr Lehrer wirklich ein weiser Mann gewesen war und sie von ihm gelernt hatten.

(Auszug aus “Was dahinter liegt” von Johannes Stockmayer)