Der Traumstein

Ein Mensch kommt auf einer Reise durch das Heilige Land auch an den Ort, an dem das Heiligtum von Bethel stand. Er hört dort die Geschichte von Jakob, der hier, auf einem Stein seinen Kopf bettend, schlief und träumte, dass der Himmel offen sei und auf einer Leiter die Engel auf und ab stiegen. Das beeindruckt diesen Menschen, er schaut nach oben und wünscht sich, dass er auch einen offenen Himmel erleben und zuschauen könne, wie die Engel in diese Welt kommen.

Kurz entschlossen nimmt der Mensch von den umliegenden Feldsteinen einen großen, wohlgeformten an sich. Er ist überzeugt, dass es dieser Stein gewesen sein musste, den Jakob als sein Kissen benutzte. Das Gepäck des Menschen ist anschließend erheblich schwerer, aber er bringt es fertig, den gewichtigen Brocken bis zu sich nach Hause zu schleppen. Dort legt er den Stein als Kopfkissen in sein Bett und fortan schläft er auf dieser harten und unbequemen Unterlage. Er hofft, dass er genauso wie Jakob von einem offenen Himmel träumt. Aber außer dass er schlecht schläft, weil die Unterlage nicht sehr bequem ist, wird er auch noch von Alpträumen heimgesucht. Aber er gibt nicht auf.

Auch als er immer blasser wird, weil ihm mit der Zeit der Schlaf fehlt, er immer unausgeschlafener wird und damit mürrisch und launisch seiner Umwelt gegenüber, wartet er auf den offenen Himmel. Sein Leben auf dieser Erde wird zunehmend mühsamer und schwieriger. Er entfernt sich mehr und mehr von dem, was einem fröhlichen, unbeschwerten, “himmlischen ” Leben gleichkommt. Gleichzeitig wächst die Sehnsucht nach der Leiter mit den Engeln und seine Hoffnung, dass dieser Stein ihn dem Himmel näher bringt, wird größer. Der harte Felsbrocken aus dem Heiligen Land wird für ihn zu einem wichtigen Gegenstand seines Lebens, an dem er sich festhält, mit dem er seinen Glauben an einen offenen Himmel begründet und der bald sein ganz persönliches Heiligtum wird.

Daran wird deutlich, wie schnell sich die Dinge verschieben können. Besser ist es, seine Hoffnung auf den Himmel zu richten, statt auf einen irdischen Gegenstand. Und es kommt nicht darauf an, wo und worauf wir uns legen, sondern dass Gott überall ist und zu jeder Zeit an jedem Ort angebetet werden kann. Und noch eins: Träume können wir nicht machen, Träume werden geschenkt.

(Aus Nachdenkgeschichten von Johannes Stockmayer)