4. Advent

Das Weihnachtsgeschenk   (von O. Henry)

Ihr ganzes Vermögen war ein Dollar, 87 Cent. Alles hatte sie mühsam zusammengespart. Und Morgen war Weihnachten. Und sie hatte nur das wenige Geld, um Jim ein Geschenk zu kaufen. Im Zimmer hing zwischen den Fenstern ein Spiegel. Wie hingewirbelt stand Della plötzlich mit hell leuchtenden Augen vor ihm. Rasch löste sie ihr Haar und ließ es in seiner ganzen Länge fallen.

Im Besitz der Eheleute Young gab es zwei Dinge, in  die sie ihren ganzen Stolz setzten. Das eine war Jims goldene Uhr, die vor ihm seinem Vater und seinem Großvater gehörte. Das andere war Dellas Haar. Es fiel wie ein goldener Wasserfall glänzend und sich kräuselnd an ihr herab und reichte bis unter die Knie.

Sie schlüpfte in die alte braune Jacke, setzte den alten brauen Hut auf und huschte, immer noch das glänzende Leuchten in ihren Augen, zur Tür hinaus und durch die Straße. Sie stand erst still, als sie bei einem Schild angelangt war, auf dem zu lesen war: “An- und Verkauf von Haaren aller Art”. In einem Satz rannte Della ein Stockwerk hinauf und stand bald darauf vor Frau Sofronie. “Kaufen Sie mein Haar?” fragte Della. “Ich kaufe Haar”, sagte die Frau. “Nehmen Sie den Hut ab und zeigen Sie es mir.” “20 Dollar”, sagte Frau Sofronie und wog mit geübter Hand die Haare. “Geben Sie es mir, rasch”, sagte Della.

Die zwei folgenden Stunden vergingen sehr schnell. Vergessen war die zermürbende Vorstellung der fehlenden Haare. Sie durchstöberte die Läden auf der Suche nach Jims Geschenk. Endlich fand sie es. Sicher war es für Jim und niemand anders gemacht. Es war eine Platinuhrkette. Sobald Della die Kette sah, wusste sie, dass sie Jim gehören musste. Das Geld reichte gerade. Mit dieser Kette an seiner Uhr durfte Jim in jeder Gesellschaft so oft er wollte nach der Zeit sehen und musste sich nicht mehr wegen des alten Lederbandes schämen.

Als Della zu Hause ankam, holte sie ihre Brennschere heraus und nach 40 Minuten war ihr Kopf mit kleinen Löckchen bedeckt. Lange schaute sie sich im Spiegel an und hoffte, dass sie Jim auch so gefiel.

Della nahm die Kette in die Hand und wartete auf Jim. Sie hatte die Gewohnheit, im Stillen kleine Gebete zu sagen und sie flüsterte vor sich hin: “Lieber Gott, mach, dass er denkt, ich sei immer noch hübsch.” Die Tür öffnete sich und Jim kam herein. Della lief auf ihn zu.  “Jim,” rief sie weinend. “Ich ließ mein Haar abschneiden und verkaufte es, weil ich Dir unbedingt ein Geschenk zu Weihnachten machen wollte. Es wird wieder nachwachsen. Du weißt gar nicht welch wunderbar schönes Geschenk ich für dich habe.”  “Du hast deine Haare abgeschnitten!”, sagte Jim und blickte seine Frau etwas verdutzt an. Dann legte er sein Geschenk in ihre Hände. Sie packte es erwartungsvoll auf – und dann – lagen sie da, die Kämme, eine ganze Garnitur von wunderschönen Kämmen – mit echten Steinen besetzt, – gerade in den Farbtönen, die wundervoll zu ihren langen Haaren gepasst hätten. Es waren teure Kämme – sie wusste es. Von ganzem Herzen hatte sie sich diese gewünscht. Jetzt gehörten sie ihr, aber die Zöpfe, die mit diesen Schmuckstücken hätten geziert werden sollen, waren fort. Trotzdem drückte sie sie ans Herz und sagte: “Mein Haar wächst ja so schnell wieder, Jim. Vielen Dank, ich freu mich so.”

Dann sprang sie auf und zeigte Jim seine Kette. Das wertvolle, mattglänzende Metall schien ihre heitere Seele widerzuspiegeln. “Ist es nicht großartig – das einzig Wahre? Du kannst jetzt jeden Tag hundertmal sehen können, wie viel Uhr es ist. Gib mir deine Uhr, ich muss sehen, wie die Kette daran aussieht.”

Jim machte es sich auf der Coach bequem, legte die Hände hinter den Kopf und lächelte: “Dell”, sagte er, “wir wollen unsere Weihnachtsgeschenke noch für einige Zeit aufbewahren. Sie sind zu schön, als dass wir sie jetzt gebrauchen könnten. Stell dir vor, ich habe die Uhr verkauft, um das Geld für deine Kämme zu erhalten.”

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Auch wenn diese Geschichte vor langer Zeit sich zugetragen hat, zeigt sie doch, was Liebe vermag – und es müssen keine großen Geschenke sein, sondern solche, die von Herzen kommen..

Gehen Sie gesegnet in diesen 3. Advent