Das gestohlene Jesuskind

Die Aufregung war nicht zu überbieten, als festgestellt wurde, dass das Jesuskind aus der Weihnachtskrippe verschwunden war. Gestern hatte es der Mesner eigenhändig auf Heu und Stroh gebettet und nun war es weg. Als erstes unterrichtete er seinen Pfarrer vom Diebstahl.

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“Wer tut denn so was?” fragte der Pfarrer. “Wir haben doch keine historische Krippe, so dass die Figuren Sammelwert besäßen. Es sind doch Gipsfiguren und die sind nicht einmal gut gelungen.”

“Für die älteren Menschen in unserer Gemeinde haben die Figuren aber durchaus einen Erinnerungswert. Sie kennen sie seit Kindertagen und sich gleichsam mit ihnen groß geworden,” verteidigte der Messner die Krippe.

“Das mag ja alles stimmen. Aber was machen wir jetzt?. Es geht doch darum, dass wir den Kindergottesdienst mit dem Krippenspiel retten. Eine Krippe ohne Jesuskind- unvorstellbar!” wandte der Pfarrer ein und überlegte weiter: “Es hat keinen Sinn, wenn wir in der Nachbargemeinde um Hilfe suchen. Sie brauchen die Figur selber, das Christkind ist heute überall unentbehrlich.”

Plötzlich hellten sich die Gesichtszüge des Mesner auf: “Wie wäre es, wenn wir eine Puppe entsprechend dekorieren und als Ersatzjesuskind in die Krippe legen würden? Doch von diesem Vorschlag wollte der Pfarrer nichts wissen. Das sei Stilbruch. Gips bleibt Gips und eine Plastikpuppe werde schwerlich ein Christkind.

Als auch noch die Gemeindereferentin ins Zimmer des Pfarrers trat und von dem Diebstahl erfuhr, meinte sie, dass es das Beste sei, die Polizei zu verständigen. Aber der Pfarrer wehrte ab. “Dann gehen wir nochmal zusammen in die Kirche und schauen uns die Bescherung an,” schlug die Referentin vor.

Als die Drei das Gotteshaus betraten, staunten sie nicht schlecht. Das Jesuskind lag an seinem Platz, umgeben von Maria und Josef. “Wie muss ich nun das verstehen?”, rief der Pfarrer und schüttelte den Kopf. “Mein lieber Mesner, fehlte die Figur heute Morgen denn tatsächlich?” “Ich habe doch Augen im Kopf. Natürlich fehlte sie!” entrüstete sich der Mann.

Da entdeckte die Gemeindereferentin einen Zettel. Er lag am Krippenrand. Sie zog das Blatt hervor und las: “Entschuldigung, dass ich das Jesuskind für zwei Stunden entführt habe. Meine Großmutter hat sich gefreut wie ein kleines Kind unter dem Weihnachtsbaum. Sie wollte unbedingt noch einmal das Jesuskind aus der Kirchenkrippe sehen. Vor 75 Jahren hat sie es bei einem Krippenspiel an seinen Platz getragen. Meine Großmutter liegt schon seit vielen Jahren krank im Bett und kann deshalb nicht zum Gottesdienst kommen. Ich wollte ihr eine kleine Freude machen.”

(aus “Möge Frieden in deinem Herzen sein” vom St-Benno-Verlag)