Sternsinger

Sternsinger anders als gedacht

Sie war kurzfristig eingesprungen, weil Michael Fieber bekommen hatte. Doch Inge war ein Gewinn. Sie sang besser als ihr Bruder. In jedem Haus sagten sie ihren Spruch, sangen das Lied, malten C+M+B über die Tür und baten um eine Spende für die Mission. Die mit Goldfolie beklebte Zigarrendose wurde immer schwerer. Außerdem schleppten sie noch eine Tüte mit Weihnachtsgebäck, Obst und Nüssen. Das hatten sie für sich selbst geschenkt bekommen.

„Ich glaube, jetzt haben wir alle durch“, meinte Volker. „Ne, du, wir waren noch nicht in der alten Schule.“ „Du spinnst wohl, Inge. Da wohnen doch nur fremde Leute. Da gehen wir nicht hin: was meinst du, Thomas?“ „Finde ich auch. Das sind doch Ausländer oder so. Die wissen gar nicht, was Sternsinger sind.“ Jetzt wurde Inge aber munter: „Das sind Vietnamesen – das sind Asylanten, sagt mein Vater.“ „Was sind das?“ Thomas sah ziemlich unintelligent aus. Das sind Leute, die hier bleiben möchten, weil sie in ihrer Heimat wegen der Politik verfolgt werden.“ „Also dann los“, sagte Thomas, „gehen wir hin. Die gibt doch sonst keine Ruhe.“

Die alte Schule war wirklich alt. Eine Klingel gab es nicht, also klopften sie. Die Tür öffnete sich einen Spalt; ein paar fremde Kinderaugen schauten sie erschrocken an. Mit einem Knall wurde die Tür wieder ins Schloss geworfen. „Na, was hab ich gesagt?“ Aber noch bevor Volker richtig Oberwasser bekam, wurde die Tür wieder geöffnet. Ein junger Mann, zierlich, mit brauner Haut und mandelförmigen Augen schaute sie höflich verwundert an.

„Wir sind Sternsinger. Wir stellen die Heiligen drei Könige dar…“ versuchte Inge zu erklären. Keine Reaktion. „Lasst uns das Lied singen und verschwinden“ flüsterte Thomas. Sie sangen. Hinter dem Mann erschienen jetzt zwei kleine Kinder. Sie klammerten sich an seine Hosenbeine. Als das Lied zu Ende war, verbeugte sich der Vater, öffnete die Tür weit und lud sie ein, hereinzukommen.

Der große Klassenraum war erschreckend kalt und kahl. Von der Tafel zum Kartenständer war eine Leine gespannt, darauf hing Kinderwäsche zum Trocknen. Am Fenster stand ein Tisch mit Stühlen, auf einem kleinen Schulschrank eine Kochplatte. Auf einem der Feldbetten saß eine junge Frau, zart, dunkel, mit einem Säugling auf dem Arm. „Singen“, bat der Mann. Die drei stimmten noch einmal das Sternsingerlied an und verlegen hielt Inge der Frau die geöffnete Zigarrendose für eine Spende hin.

Ein fassungsloser Blick, dann ein strahlendes, glückliches Lächeln. Die Frau nahm die Dose, stand auf und verneigte sich dankend vor den Kindern. Die standen wie vom Donner gerührt. Inge fasste sich als erste. Sie nahm Thomas die Tüte mit den Süßigkeiten aus der Hand, gab sie den beiden Kindern, verneigte sich vor den Eheleuten und zog die verdutzten Jungen mit nach draußen.

„Und was machen wir jetzt?“ fragte Volker. „Nichts“, meinte Inge, „wir haben doch gemacht, was nötig war.“

(Verfasser unbekannt)