Wie der Reli Glauben und Leben zusammenbringt – eine Kursleiterin erzählt

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

An das Plakat zum ersten Reli-Kurs in meiner Gemeinde kann ich mich noch gut erinnern. Er sollte viermal morgens mit Kinderbetreuung stattfinden. Das war für mich wichtig, waren meine zwei kleinen Mädchen Lena mit knapp vier und Lisa mit zweieinhalb Jahren beide noch nicht im Kindergarten. Was da stand, sprach mich tief innen an – unterwegs im Leben, auf der Suche nach einem lohnenden Ziel.

Bisher war mein Leben eher zugefallen: meine Berufswahl Krankenschwester, mein Mann, meine beiden reizenden Mädchen, auf die ich so mächtig stolz war. Das alles hatte sich für mich mehr zufällig ereignet, eines hatte sich ins andere gefügt und das war jetzt mein Leben. Nach außen sah alles so aus, wie es sein sollte: harmonisch, geregelt, in festen Bahnen. Bis auf die tiefe Erschütterung, die uns als Familie ein halbes Jahr zuvor aufgeschreckt hatte. Kurz vor ihrem zweiten Geburtstag war bei Lisa ein Hirntumor festgestellt worden. Die ganze schreckliche Behandlung mit OP, Chemo, Hoffen, Bangen, Verzagen, Schmerzen, mitleiden und doch nicht helfen können – das alles lag gerade erst hinter uns.

Vor uns lag die Zeit der Nachuntersuchungen, des Wartens und der Ungewissheit, ob der Tumor besiegt ist. Ich war von jeher ein Optimist und wollte und konnte mir nicht vorstellen, dass die Hand des Schicksals noch einmal nach dem Leben unserer Tochter greifen könnte. Trotzdem – Fragen waren aufgebrochen. Die oberflächliche Fassade war dünn und brüchig geworden für uns als Familie, für mich als Einzelperson. Wenn alles so schnell und plötzlich auseinanderbrechen kann, was „unser Leben“ ausmacht, wo ist dann der tiefere Sinn?

Schon vor Lisas Erkrankung war ich durch meine Mädchen an meine Grenzen gestoßen, hatte erlebt wie ich in Stresssituationen und nach kurzen Nächten mit zu wenig Schlaf völlig außer Kontrolle geriet und die Nerven verlor – als Mutter und als Partnerin. Ich war über mich selbst erschüttert; das Bild, das ich von mir selbst immer hatte, war ins Wanken geraten.

All dies kam bei mir hoch beim Anblick der Plakate – und sie hingen überall: beim Metzger, Bäcker, in der Bücherei. Ich schlich mich um sie herum, fühlte mich angezogen, traute mich aber nicht. Kirche -was hatte ich bisher mit der Kirche zu tun! Zwar glaubte ich wie so viele schon auch an einen Gott, von dessen Existenz ich mal mehr oder weniger überzeugt war, aber sein Wirken hatte ich noch nie wahrgenommen in meinem Leben und was ich in den wenigen Gottesdiensten, die ich besucht hatte, von ihm gehört hatte, brachte ihn mir nicht näher. Abschreckend waren zudem einige Streitgespräche, die ich mit manchen „überzeugten“ Christen geführt hatte – von Schuld war das die Rede, von Anstrengen, sich mühen, missionieren, vom Gericht, wo Gute und Schlechte getrennt würden. So konnte ich mir Gott nicht vorstellen! Würde ich in diesen Kursen ähnliches hören?
Gemeinsam mit einer Freundin meldete ich mich schließlich an. Gleich beim ersten Mal sollte mich der Reli packen und er ließ mich bis heute nicht mehr los.

VATER UNSER – war unser erster Kurs. Ein Gespräch mit Gott, dem liebenden Vater, vor dem ich mich nicht klein machen und Schuld und Demut bekennen muss, sondern zu dem ich kommen darf mit alles, was mich umtreibt und der für mich da ist, weil er mich liebt als sein Kind.

Und wie man sein eigenes Kind liebt, das wusste ich als junge Mutter nur zu gut. Auch, dass man sein Kind bei allen Bemühungen nicht immer vor Kummer und Schmerz bewahren kann, in manchen Situationen nur trösten und da sein kann, hatte ich schmerzlich erfahren müssen. So einem Gott konnte ich mich vertrauensvoll in die Arme legen. Das tägliche Brot, für mich war das plötzlich nicht mehr nur körperliche Nahrung, auch meine Seele hatte Hunger und Durst. Nach Speise von Gott. Vielleicht konnte dieser Gott sogar mit meinem kleinen und großen Versagen im Alltag umgehen und musste mich nicht dafür verurteilen und wenn er mich nicht verurteilte, warum sollte ich dann härter mit mir selbst umgehen als er! Es geschah sehr viel Befreiendes in diesem Reli-Kurs mit mir.
Dass dieses Vertrauen in Gott wirklich hält, dass seine Hand da ist und mich sicher hält, auch wenn alles um mich nur dunkel ist und ich keinen Weg mehr sehe. Das habe ich spürbar erfahren, als zwei Jahr später der Tumor bei Lisa wieder anfing zu wachsen und wir sie nur noch auf ihrem letzten Stück Weg begleiten konnten. In dieser Situation entwickelten die Bilder vom Reli für mich ihre ganze Stärke, besonders das kleine Boot, in dem Jesus den Sturm stillte – IN DER WELT HABT IHR ANGST, ABER ICH HABE DIE WELT ÜBERWUNDEN – dieser Satz ließ meine Seele ruhig werden, gab mir die Kraft, jeden Tag neu anzunehmen – jeden Tag an dem Lisas Kraft weniger wurde, und auch jeden Tag, den wir dann ohne sie leben lernen mussten.

Im Reli hatte ich gelernt, meine Verzweiflung und meinen Schmerz, meine Wut nicht bei mir zu behalten, sondern sie Gott regelrecht vor die Fuße zu werfen. Er half sie auszuhalten. Bei allem Leid verlor ich selbst in dieser schweren Zeit nicht den Blick dafür, dass wir auch jetzt noch genug hatten, wofür wir dankbar sein konnten- wir hatten einander, unsere Lena und auch die Zeit mit Lisa würde uns immer ein großer Schatz bleiben. Außerdem waren wir gesund und ohne finanzielle Sorgen.

Wie hätte ich diese Zeit durchgestanden ohne all das, was ich im Reli hatte hören dürfen? Ich weiß es nicht.
Kurz nach Lisas Tod wurde ich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte im Mitarbeiterkreis mitzumachen. Gerne sagte ich ja. Hier durfte ich ganz praktisch erfahren, dass Gott noch viel mehr Talent in mir angelegt hatte, als ich bisher ahnte. Das Gleichnis der Talente, die sich vermehren, wo man sie nicht vergräbt – für mich wurde es hier erlebbar. Immer wieder staunte ich über die Fülle, die Gott schenkt, wenn wir uns nur aufmachen, wenn wir uns öffnen für das, was er an Möglichkeiten hat.

Zu dieser Fülle gehört für mich auch, dass wir nach Lisas Tod noch ein Mädchen bekommen durften, Marie. In der Schwangerschaft und bei der Geburt kamen viele schmerzliche Erinnerungen hoch. Wir mussten ständig daran denken, wie es bei Lisa damals war. Doch auch das hatte ich im Reli gelernt: solche Gefühle nicht wegzudrücken, sonder sie zuzulassen, sie anzuschauen und vor Gott zu bringen. Dadurch wurde diese Rückerinnerung für mich und meinen Mann zu einer heilsamen Zeit und wir mussten Marie nie als „Ersatz“ für Lisa sehen, konnten sie von Anfang an als eigene Persönlichkeit lieben.

Wir sind dann umgezogen. In unserer neuen Gemeinde war der Reli erst im Entstehen. Ich vertraute auf Gottes Hilfe und halte nun dort mit einer Freundin Reli-Kurse. Dass wir dabei etwas von dem weitergeben können, was wir selbst zuvor im Reli von Gottes Liebe und seinem Wirken erfahren duften- ich empfinde das als mein ganz persönliches Dankeschön an IHN.