Beschenkt – Ein Abend in der City Station am Kudamm

Stufen des Lebens in der City Station

Nicht zum ersten Mal gibt es in der City Station der Berliner Stadtmission Stufen des Lebens. Direkt am Kudamm liegt das Cafe für Obdachlose mit Angeboten für Leib und Seele. In den letzten Jahren haben Mitarbeiter und Gäste mit Stufen des Lebens segensreiche Erfahrungen in dieser Einrichtung gemacht.

Diesmal wird hier der Kurs „Farbe kommt in dein Leben“ an vier Abenden im Juni von Pfarrer Ole Jaeckel-Engler und Team angeboten. Herzliche Einladung an alle!

 

Die City Station ist ein Restaurant für Obdachlose der Berliner Stadtmission am Kudamm.

Doch nicht nur für gutes Essen ist gesorgt. Hier stehen Menschen auch für Gespräche zur Verfügung, sei es für allgemeine Lebensfragen oder Information. Sozialpädagogen bieten kostenlose und anonyme Beratung und Seelsorge an.

Ich war eingeladen, im Andachtsraum der City Station einen Abend mit dem Thema ein „Platz an der Sonne“ aus der Kursreihe von „Stufen des Lebens“ zu gestalten.  Dieser Abend war zwar angekündigt und Teilnehmer sollten sich anmelden, aber dennoch ließen sich auch Gäste des Restaurants spontan einladen. So saßen schließlich ca. 14 Gäste und Mitarbeiter in der Runde. In der Mitte lag das Bodenbild mit einer großen Sonne auf blauem Grund und darauf verteilt: Postkarten mit Sonnenplätzen des Lebens. Sind wir nicht alle auf der Suche nach dem Platz an der Sonne? Jede und jeder durfte sich eine Karte nehmen und erklären, warum dies ihr/sein Sonnenplatz ist. Die Gesprächsführung war äußerst schwierig, da die Gäste der City Station nicht alle in der Lage sind, ruhig sitzen zu bleiben und dem Austausch aufmerksam zu folgen.

Besonders eine Frau (ich nenne sie hier Petra) mit mehreren Schichten bekleidet, die sie nach und nach ablegte, nahm jedes Stichwort aus der Runde auf. Sie hatte viel aus ihrer DDR – Vergangenheit zu berichten und so manches andere politische Thema wurde von ihr angeschnitten. Es war eine Herausforderung für mich den roten Faden nicht zu verlieren. Und doch hatte ich den Eindruck, dass ihre verbalen Ausflüge und Beiträge sich nach und nach dem Thema des Abends näherten.

In der Geschichte von Zachäus aus dem Lukasevangelium geht es um einen Mann, der gesehen werden möchte und sich doch in einem Baum versteckt. Er gehört nicht dazu. Durch seine Position als Zöllner ausgegrenzt, fühlt er sich nicht nur klein, er ist es auch. Er war gesellschaftlich ein Außenseiter – auf der ganzen Linie beneidet und gleichzeitig verachtet.

Mit einer echten ausrangierten Polizeiuniform, die ich auf dem Boden ausbreite, versuche ich die Figur des Zachäus lebendig werden zu lassen. Ein Zachäus, der sich möglicherweise in oder hinter einer solchen Uniform versteckt hat, die ihm sicherlich auch Schutz geboten hat – vor sich selbst und vor den Anfeindungen anderer.

Wir sprechen über Sonnenplätze und Schattenplätze.

Ich möchte deutlich machen, dass wir alle auf der Suche sind, gesehen werden wollen, wahrgenommen werden wollen…  Was tun wir nicht alles, weil wir uns klein fühlen, aber größer erscheinen wollen?

Und Jesus sieht Zachäus im Maulbeerbaum, bittet ihn herunter und lädt sich bei ihm ein.

Jesus macht deutlich, dass Zachäus ihm wichtig ist; Jesus beschenkt ihn mit seiner Aufmerksamkeit und seiner Liebe.

Wie konnte es mir nur gelingen, diese einladende Botschaft zu vermitteln und dabei auch jeden Teilnehmer liebevoll wahrzunehmen? Petra war immer noch mit vielen Themen beschäftigt und ein Gast zog es im Laufe des Kurses vor, ohne Worte den Raum zu verlassen.

Dennoch war ich am Ende des Abends zutiefst beschämt und beschenkt.

Petra wickelte ihre Karte mit ihrem Sonnenplatz unendlich liebevoll in ein Taschentuch und fragte mich dabei: Ute, kannst du mir mal aufschreiben, welchen Vers du mir zugesprochen hast?

Ein anderer Gast (ich nenne ihn Klaus) war schon den ganzen Abend um die grüne Uniform am Boden herumgestrichen. Er fragte mich schließlich leise: Darf ich die mal anziehen? Angekleidet mit der Uniform und Mütze fotografierte ihn ein Freund mit einer Einmalkamera. Und Klaus flüsterte beinahe: „Einmal nach was aussehen“.

Von Mitarbeitern der City Station hörte ich ein paar Tage später, dass man/frau nach mir gefragt hätte und mich am darauffolgenden Abend vermisst hatte.

Ute Wegend in der City Station 15. März 2007