Stufen des Lebens in der Gefängnisseelsorge

Interviewpartner: Adrian Tillmanns (Gefängnisseelsorger in der JVA Werl)

Adrian Tillmanns

 

1. Beschreiben Sie kurz Ihr Tätigkeitsfeld als Gefängnisseelsorger.

 „Wir haben insgesamt 900 inhaftierte Männer.in der JVA Werl. In unserem Seelsorgeteam sind zwei katholische Kollegen, ein Pfarrer und ein katholischer Theologe – ähnlich einem Pastoralreferenten, und zwei evangelische Pfarrer. Den Glaubenskurs haben wir in ökumenischer Weite durchgeführt. Alle vier Pfarrer haben daran teilgenommen und mitgewirkt.“

2. Welche Erfahrungen haben Sie bereits mit Glaubenskursen gemacht? (welches Modell, welcher Zeitraum, wie viele Teilnehmer, wie viele Helfer)

„Im Jahr 2006 haben wir den Glaubenskurs ,Christ werden -Christ bleiben‘ durchgeführt. Geleitet wurden die Abende damals von Dr. Peter Böhlemann, dem Leiter des früheren Pastoralkollegs in Westfalen. Darüber wurde auch in der Kirchenzeitung „Unsere Kirche“ berichtet, der Artikel dürfte so im September/Oktober 2006 erschienen sein.

Und 2008 haben wir jetzt den Kurs „Stufen des Lebens“ gemacht. Das wurde in der Regionalbeilage von „Unsere Kirche“ erwähnt. Wir haben vier Abende in jeweils zwei Gruppen durchgeführt und einen gemeinsamen Abschlussabend. Wir haben die Teilnehmer in zwei Gruppen aufgeteilt, weil wir fast 40 Leute da hatten. Diese Teilnehmer wurden von uns vier Seelsorgern begleitet, die Abende selbst wurden von Herrn Klinkenborg aus dem Amt für Missionarische Dienste Westfalen und einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin geleitet.

3. Aus welchen Gründen haben Sie dieses Modell gewählt? Wie haben Sie davon erfahren? Wie wurden Sie darauf aufmerksam?

 „Nachdem wir schon Erfahrungen mit „Christ werden -Christ bleiben“ gemacht hatten, wollten wir etwas anderes ausprobieren und

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haben geguckt, was es noch so an Kursmodellen gibt. Bei „Stufen des Lebens“ hat uns besonders die Symboldidaktik mit den Bodenbildern angesprochen. Wenn man um dieses Bild herum sitzt, ist das sehr anschaulich. Das Bild verändert sich – unter Mitwirkung der Teilnehmer. Religionspädagogisch ist das sehr gut, die Leute nicht nur mit dem Wort anzusprechen, sondern auch etwas Sicht- und Greifbares anzubieten.

Man kann sich das ruhig so vorstellen, dass wir hier in der JVA so etwas wie eine Gemeinde sind. Von den 900 Inhaftierten sind ungefähr 250 Männer mit uns in Kontakt, manche sehr punktuell, andere sehr kontinuierlich. Wir haben jeden Sonntag zwei Gottesdienste mit jeweils 70 bis 80 Besuchern. Dazu haben wir ein umfangreiches Gruppenangebot, mit Kontaktgruppen, Bibelgruppen, einem evangelischen Chor und einer katholischen Schola. Also ist das wirklich vergleichbar mit einer Kirchengemeinde, die Interesse an einem Glaubenskurs hat. Dazu kommt, dass wir ein Langstrafen- Gefängnis sind und Leute haben, die über viele Jahre hier bleiben müssen. Diese Menschen sind in ihrem Leben an einem Endpunkt gekommen, das ist mit Händen zu greifen. In der Regel sind sie auch nicht das erste Mal hier, sondern bereits zum zweiten, dritten, vierten oder fünften Mal. Nun kommen sie zu den Fragen: Wozu bin ich hier auf dieser Welt? Was ist der Sinn für mein Leben?

Die religiöse Frage taucht hier bei vielen Inhaftierten auf. Und hier in der Kirche brauchen sie niemandem etwas vormachen. Klar geben sie nicht alles preis, wenn sie in der Gruppe sitzen, weil möglicherweise der Mit- Inhaftierte das hört und diese Themen nicht in der Freistunde landen sollen. Aber Kirche ist ein geschützter Raum und damit auch diese Gruppen, die die Möglichkeit bieten, sich zu öffnen. Das funktioniert auch mit Männern. Ich glaube, dass wir Männer da teilweise unterschätzt werden. Frauen wird größere Emotionalität zugestanden, deswegen wird der Kurs „Stufen des Lebens“ wohl besonders für Frauen empfohlen. Aber das klappt mit Männern genauso. Wahrscheinlich klappt es besser, wenn keine Frauen im Raum sind. Frauen sind schneller mit der Zunge. Sie können schneller Gedanken und Gefühle formulieren. Aber unserer Erfahrung nach funktioniert „Stufen des Lebens“ auch mit Männern sehr gut.“

4. Mit welchen Gedanken sind Sie an den Glaubenskurs herangegangen? Hatten Sie auch Einwände oder Zweifel? Welche Ziele wollten Sie erreichen? Was war Ihre Motivation?

Der Großteil unserer Arbeit hier ist die Seelsorge. Somit sind wir mit den Männern eigentlich immer beim Thema Emotionen. Wir haben keine Angst vor Emotionen. Hier ist der Raum für Emotionen – sich darüber klar zu werden und sie auszudrücken. Wie viele der Männer haben jahrelang Trauerarbeit vor sich her geschoben. Das ist ein klassisches Thema. Und hier ist der Raum, bildlich gesprochen „die Hose runterzulassen“ – wem will man hier noch etwas vormachen?

Meine Motivation, einen Glaubenskurs durchzuführen, bezieht sich erst einmal auf den Bildungsauftrag der Kirche, das ist gutes protestantisches Erbe. Wir haben zum Beispiel auch ein oder zwei Muslime gehabt, die am Glaubenskurs teilgenommen haben. Dann haben wir mit dem ersten Kurs sehr gute Erfahrungen gemacht: Es kamen 40 Leute, die Männer waren ansprechbar. Und schließlich passiert etwas durch einen Glaubenskurs: Kontakte verändern und intensivieren sich. Das ist sehr fruchtbar für unsere Arbeit hier vor Ort. Außerdem haben wir Ehrenamtliche von draußen, die Kontaktgruppen hier im Haus begleiten. Wir haben zwei evangelische Gemeinden, aus denen ein kleiner Kreis an ehrenamtlichen Helfern einmal im Monat einen Abend mit den inhaftierten Männern hier gestaltet, das ist unsere Kontaktgruppenarbeit. Viele unserer Männer bekommen keinen Besuch mehr von draußen, und diese Gruppen sind ihre „Tür nach draußen“. Von diesen ehrenamtlichen Helfern haben auch einige am Glaubenskurs teilgenommen. So wurden die Themen auch in die Gruppen getragen, und der Glaubenskurs wurde zu einem Impuls für unsere gemeindliche Arbeit.“

5. Welche Bereiche der Gemeindearbeit mussten evt. zurückgestellt werden, als die Glaubenskurse liefen?

 „Alle anderen Gruppen, die wir von der Seelsorge aus anbieten, haben wir in dem Zeitraum des Glaubenskurses ausfallen lassen. Denn wir haben nur einen Raum, unsere Kirche, die wir für die Gruppenarbeit nutzen können. Einen anderen Freizeitraum gibt es nicht. Außerdem sind zwei Abende pro Woche plus die Vor- und Nachbereitung auch sehr zeitaufwändig. Für den Glaubenskurs „Stufen des Lebens’“ mussten wir auch relativ viel Material heranschaffen. Das ist in einem Gefängnis immer schwierig: Alles musste geröntgt und durchleuchtet werden. Das kostet Zeit. Es müssen Listen geschrieben werden, die Angestellten im Gefängnis müssen informiert werden, wer an welchem Abend in der Kirche zu finden ist. Wir haben hier sehr hohe Sicherheitsstandards. Da der Glaubenskurs über einen begrenzten Zeitraum läuft -bei uns jetzt sieben Wochen, ist es gut möglich, die anderen Gruppen während dieser Zeit ausfallen zu lassen.“

6. Sind Sie vor der Durchführung des Glaubenskurses Einwänden im Kollegenkreis begegnet? Wie sind Sie damit umgegangen? Welche Argumente führten schließlich zur Zustimmung?

„Wenn wir vier Seelsorger hier in der JVA entscheiden, wir machen das, dann machen wir das. Und innerhalb des Kollegenkreises gab es keine Einwände. Wir haben uns gemeinsam auf den Weg gemacht. Auch der neue Kollege, der „Christ werden -Christ bleiben“ noch nicht miterlebt hatte, hat sich sofort darauf eingelassen. Und für 2010 ist wieder ein Glaubenskurs geplant.“

7. Konnten Sie Beratung und Unterstützung in Anspruch nehmen? (z. B. von -, Kollegen oder vom Amt für missionarische Dienste)

 „Herr Klinkenborg vom Amt für missionarische Dienste in Westfalen hat uns in den Vorbereitungen unterstützt und später auch die Abende geleitet. Einer der Kollegen hier hat den Kurs „Stufen des Lebens“ im Vorfeld schon einmal selbst als Teilnehmer mitgemacht. Das ist verpflichtend, wenn man diesen Kurs selbst durchführen möchte.

8. Welche Interessenten kamen schließlich zu den Glaubenskursen?

Die meisten hatten vorher schon Kontakt über die Gottesdienste, die Gruppenarbeit oder die Seelsorge. Aber einige kamen durch den Glaubenskurs auch zum ersten Mal mit unserer Gemeinde in Kontakt.

Eigentlich können alle Inhaftierten daran teilnehmen, es sei denn, sie haben Sicherungsmaßnahmen. Eine Freizeitsperre würde allerdings nicht greifen, denn der Kurs ist ein seelsorgerliches Angebot und kein Freizeitangebot. Religionsausübung ist vom Grundrecht her geschützt.

9. Mit welchen Erwartungen kamen die Teilnehmer? Welche Motivationen wurden genannt, einen Glaubenskurs zu besuchen? Gab es überhaupt Rückmeldungen der Teilnehmer?

„Wir haben hier gläubige Menschen, die einfach am Thema interessiert sind. Andere haben große Zweifel, ein Gebet ändert ihre Situation hier in der JVA nicht so schnell. Wenn man so ein Angebot wahrnimmt und sich traut hinzugehen, hat das hier in der JVA auch gewissen Bekenntnis-Charakter. Aber dazu stehen die Teilnehmer ganz offen. Einige wollen auch einfach etwas lernen: 90 % der Inhaftierten hier haben keinen Hauptschulabschluss. Dementsprechend früh wird Reli in der Schule abgewählt. Manche waren aber auch überraschend bibelfest. Die größte Erwartung der Teilnehmer ist hier jedoch, dass der, der so einen Kurs anbietet, den Männern zugewandt ist. Wenn sie spüren, dass man ihnen zugewandt ist, sind sie ein sehr dankbarer Hörerkreis. Sie müssen sich ernst genommen fühlen mit ihren Erfahrungen und Belastungen.

10. Welche Rolle spielte das Thema Taufe? Wurde ein Wunsch nach Tauferinnerung geäußert? Gab es dazu Angebote innerhalb des Kurses?

„Eigentlich spielte das Thema Taufe während des Glaubenskurses keine große Rolle. Wir haben hier ca. ein Drittel evangelisch Getaufte, ein Drittel katholisch Getaufte und ein Drittel Andersgläubige, also vorwiegend muslimisch oder ohne Angabe. Erwachsenentaufen gibt es hier im Gefängnis: schätzungsweise zwischen fünf und zehn Taufen pro Jahr -mit den katholischen Brüdern zusammen. Während des Kurses wurde jetzt kein Wunsch nach Taufe geäußert -oder nach Tauferinnerung, das ist ja auch noch eine relativ junge Entwicklung in der protestantischen Kirche.

Am Abschlussabend gab es das Angebot, sich persönlich einen Segen zusprechen zu lassen. Davon wurde eifrig Gebrauch gemacht. Die Männer sind durchaus für symbolische Handlungen offen. Aber die meisten sind getauft. Und die anderen melden sich dann in anderen Zusammenhängen noch einmal bei uns.

11. Wie lief die Durchführung der Abende? (Stimmung/ Atmosphäre, Gastfreundschaft, Gespräche, Kontakte)

„Die Abende gingen von 18.30 Uhr bis 20.30 Uhr. Bis 21 Uhr müssen die Teilnehmer hier in ihre Zellen gebracht werden. Dann wird die Vollzähligkeit kontrolliert. Das Material von „Stufen des Lebens“ ist sehr reichhaltig und bietet pro Thema mehr Stoff, als wir an einem Abend hier zeitlich machen konnten. Herr Klinkenborg und seine Mitarbeiterin haben immer einzelne Aspekte eines Themas ausgewählt – oder auch auf die Stimmung

der Teilnehmer reagiert. Spannend war es, als Herr Klinkenborg mit lauter erwachsenen Männern hier eine Fantasiereise gemacht hat. Das muss man sich trauen. Aber wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, Meditationen oder ähnliches werden hier dankbar angenommen. Ein Abend beschäftigt sich immer mit einer biblischen Geschichte und einem Bodenbild dazu, das sich im Laufe des Abends verändert. Man sitzt im Kreis um dieses Bodenbild. An verschiedenen Punkten im Verlauf des Abends können sich die Teilnehmer assoziativ dazu äußern. Die Männer haben sich auch rege geäußert und so fand ein lebhafter Austausch statt. Das Schöne an diesem Kurs ist, dass alle Äußerungen nebeneinander stehen bleiben dürfen. Auch wenn für Herrn Klinkenborg sicher die eine oder andere etwas ungewöhnliche Antwort kam… Wenn man sich auf Gefängnis-Arbeit einlässt, erfährt man manchmal von Realitäten, mit denen man nicht rechnet. Herr Klinkenborg hat wirklich darauf geachtet, dass alles geäußert werden konnte, was die Teilnehmer bewegte, und dass alles nebeneinander stehen bleiben konnte. Die Diskussionen über einzelne Punkte wurden gebremst. Das ist eine sehr angemessene Form, weil jeder Teilnehmer zu seinem Recht kommt und keine Diskussion zwischen zwei Teilnehmern den ganzen Abend sprengt. Dieser Kurs leitet bewusst durch das jeweilige Thema und lässt keine großen Diskussionen zwischen einzelnen Teilnehmern zu. Die Gruppe wird durch einen Impuls nach dem anderen am Bodenbild durch den Abend geführt.

Ein Kritikpunkt von Teilnehmern, die auch schon „Christ werden -Christ bleiben“ mitgemacht hatten, war zum Beispiel das Fehlen einer Gruppenarbeitsphase bei „Stufen des Lebens“, in der jeder noch einmal in Ruhe erzählen könnte. Das ist auch nachvollziehbar: Wenn ich mich emotional angesprochen fühle, möchte ich auch intensiv darüber erzählen dürfen. Wir haben dieses Gesprächsbedürfnis dadurch aufgefangen, dass wir als Seelsorger immer wieder Einzelgespräche in der Folge des Kurses angeboten haben.

Das ist auch in Einzelfällen genutzt worden und sicherlich für jede Gemeinde sinnvoll. Jeden Abend haben wir eine kurze Pause von zehn Minuten gemacht, und die zwei Stunden vergingen wie im Flug.

12. Hat der Glaubenskurs Ihre Gemeinde verändert? (neue Kontakte, neue Motivation zur Mission, neues Miteinander)

„Es entstehen neue Kontakte: Man kennt sich, man grüßt sich, und wenn einmal Gesprächsbedarf wäre, kämen die Teilnehmer sicher auf uns Seelsorger zu. Nach dem ersten Glaubenskurs 2006 hat sich zum Beispiel eine Gruppe von Afrikanern gebildet, die sich regelmäßig einmal im Monat treffen, um auf englisch miteinander in der Bibel zu lesen. So kann der Glaubenskurs zu einem Impuls werden, der etwas Neues entstehen lässt. Auch aus diesem Kurs hätte so eine Bibelgruppe entstehen können, aber wir sind mittlerweile an den Grenzen unserer zeitlichen Kapazitäten angelangt. Deshalb war das nicht unser Ziel mit diesem Glaubenskurs. Aber wir haben nach dem Glaubenskurs zum Beispiel einen höheren Gottesdienstbesuch festgestellt. Das ist wirklich ein guter Impuls für die ganze Gemeinde.

 

17. August 2009