So entstand „Alle Jahre wieder“

Es war eine Schulklasse, von der jeder Lehrer heute träumt. Die Kinder saßen still in ihren Bänken, nicht eingeschüchtert oder voller Angst, sondern sie saßen und hörten zu. Sie hörten aufmerksam und begeistert zu! Das ist eine Eigenschaft, die heute nicht mehr alle Kinder beherrschen.

Bei Superintendent Pfarrer Johann Wilhelm Hey war das anders. Er konnte nämlich wunderbar erzählen! Er war ein Meister seines Fachs. Um das Jahr 1835 hatte er gerade eine Reihe Fabeln für Kinder geschrieben, die er seiner Klasse in der Adventszeit mit Begeisterung vorlas. Und die Schüler dankten es ihm durch große Aufmerksamkeit. War das spannend, was sie da hörten!

Eines der Mädchen meinte: “Mein Patenonkel hat die Sammlung letztes Jahr zu Weihnachten seinen Kindern geschenkt. Haben die ein Glück! „ Gertruds Wangen glühten vor Begeisterung, „Er hat gesagt, da ist dem Herrn Hey aber ein toller Wurf gelungen!“

Ein Junge meldete sich: “Herr Pfarrer, die Klasse hat mich vorhin beauftragt, Ihnen einen Vorschlag zu machen. Wir haben uns überlegt, ob es nicht sinnvoll wäre, ein neues Weihnachtslied zu lernen. Wir kennen zwar eine Reihe, aber die sind so schwer zu verstehen. Wir hätten gern etwas Leichteres; etwas, das wir schnell lernen.“

Pfarrer Hey blickte in die Runde und sagte: „Glaubt ihr, dass Weihnachten ein fröhliches Fest ist, das man „lustig“ besingen kann?“ „Nein, antwortete einer, „ganz so fröhlich und lustig gewiss nicht, wenn ich an die Armut denke, in die das Christkind hineingeboren wurde“. „Und in der viele Menschen heute noch leben“, ergänzte der Pfarrer. „Aber du hast Recht, die Freude auf Weihnachten, die dürfte doch im Lied etwas kräftiger zum Ausdruck kommen.“

Und weiter sagte er:“ Ich habe einen Freund aus Leipzig, den Lehrer Ernst Anschütz. Von ihm stammt das Lied „O Tannenbaum“. Er hat eine Melodie geschrieben, zu der ich gern einen Text verfassen würde. Hört es euch einmal an.“

Johann Wilhelm Hey nahm seine Blockflöte und begann zu spielen. Die Kinder hielten den Atem an. „Jetzt gehört noch ein guter Text dazu. Wie wäre es, wenn ihr mir beim Dichten helfen würdet?“ „Wir, das können wir nicht“, riefen die Kinder. „Dann versuchen wir es gemeinsam“, sagte ihr Lehrer.

„Das Christkind kommt alle Jahre wieder auf die Erde, zu uns Menschen. Davon sollten wir ausgehen.“ Und so begann einer : Alle Jahre wieder – die nächste – kommt das Christuskind – und weiter  – auf die Erde niederwo wir Menschen sind. „Ausgezeichnet „ nickte der Superintendent.

Die Kinder steckten die Köpfe zusammen, die Wangen glühten, die Ohren wurden feurig rot. Aber am Ende der Stunde konnte sich die Klasse mit ihrer Dichtkunst sehen lassen. Die zweite Strophe entstand: Kehrt mit seinem Segen ein in jedes Haus, geht auf allen Wegen mit uns ein und aus. Und auch die dritte Strophe wurde verfasst: Ist auch mir zur Seite still und unerkannt, dass es treu mich leite an der lieben Hand.

Pfarrer Hey lobte die Kinder für die gute Arbeit und griff zur Blockflöte, und erst zaghaft, dann immer stärker stimmte die Klasse das Weihnachtslied „Alle Jahre wieder“ an, das seither in vielen Familien am Heiligen Abend vor der Bescherung und bei vielen weihnachtlichen Veranstaltungen begeistert gesungen wird.