Der Vater und seine zwei Söhne

In der Kursleiterschulung vom 27.-28.4. mit dem Titel: Liebe ist nicht nur ein Wort, ging es u.a. um die Geschichte, in der ein Vater seine beiden Söhne so liebt, dass sie beide zu ihm heimfinden. Er liebte sie quasi heim. Jawohl, Sie haben richtig gehört. Es ging nicht nur um den Einen, der so zerlumpt zurückfand. Nein, es ging auch um den Anderen, der so pflichtbewusst sein Leben lebte.

Kennen Sie solche Seiten in Ihrem Leben, dass Sie alles mögliche tun, nur um zu vermeiden, das man Ihnen etwas nachsagen kann? Und kennen Sie auch die Situation, das Sie es nur schwer aushalten können, jemanden zu akzeptieren, der neben Ihnen das krasse Gegenteil ihres Lebens lebt?

Natürlich gibt es Gründe zur Kritik. Natürlich kann man ja nicht nur so einfach zur Tagesordnung übergehen. Natürlich können wir nicht eben so miteinander an einem Tisch sitzen oder vielleicht sogar den neben mir sein lassen wie er ist und es zulassen, dass er, der Davongelaufene, gerade mehr in den Mittelpunkt rückt als ich.

Ach, ich kenne das, dass ich mich dann innerlich distanzieren muss. Es könnten sonst doch die Gedanken der Ungerechtigkeit und des „zu kurz Kommens“ so sichtbar auf den Tische kommen. Und wer will das schon?! Die Gefühle, die nicht so ganz salonfähig sind, preiszugeben. Da bleibt man lieber draußen, in der Distanz, im Vorwurf.

In unserem Text, der in Lukas 15 steht heißt es: „Da kam der Vater heraus und bat ihn mitzukommen und alles mitzubringen.“ Wir kennen die Geschichte des verlorenen Sohnes. Aber damit meinen wir gerade den Anderen, der weggelaufen ist, der alles verprasst hat. Ja, das ist eine eigene Geschichte. Dem geht der Vater ja entgegen. Aber die andere Geschichte? Könnte Jesus nicht auch den meinen, der sich das Recht nimmt, hinter seiner Fassade „Pflichtbewusstsein“ zu bleiben? Könnte hinter dieser Fassade nicht auch die Angst stecken? Was wäre denn, wenn wir wirklich die wahren Gründe für unsere Arbeitswut auf den Tisch legen müssten? Ob das Sinnbild des Vaters ist, dass er gerade zu dem hinausgeht und aufdeckt? Gerade zu dem, der im Dienst des Vaters ist und der innerlich doch schon längst weggelaufen ist? Nicht anders als sein Bruder. Ob das die Liebe des Vaters ausmacht, dass er BEIDEN nachgeht? Weil er sie heimholen will an seinen Tisch, damit alles auf den Tisch kommt und Frieden wird.

Dies sind Worte von Waltraud Mäschle aus dem Jahr 1997